Die Entwicklung des Vereins ist eng mit der Persönlichkeit von Dr. Berthold
Martin verbunden. Am 23. Juni 1951, an seinem 38. Geburtstag, gründete
er zusammen mit acht weiteren Gleichgesinnten einen Verein, den sie zunächst
Verein "Jugendwohnheim Gießen", dann "Verein für Jugendfürsorge
und Jugendpflege, Sitz Gießen" benannten.
Dr. Berthold Martin war seinerzeit als Medizinalrat im Psychiatrischen Krankenhaus
Gießen tätig, zugleich als Stadtrat kommunalpolitisch engagiert und
Dezernent für Jugend und Soziales der Stadt Gießen.
1913 in Eisemroth im Dillkreis als Sohn eines Bäckermeisters geboren und mit vier Geschwistern aufgewachsen, absolvierte er die Oberschule (Liebig-Schule in Gießen) und begann 1933 nach dem Abitur mit dem Studium der Theologie in Marburg, wo er Schüler von Bultmann und Barth war. Nach dem Vikariat in Wölfersheim schloss er das Studium mit erstem und zweitem theologischen Examen ab. Ab 1934 leitete er die Gruppe der "bekennenden Studenten". Von 1939 bis 1945 Soldat und Medizinstudent, begann er 1946 seine Tätigkeit am Psychiatrischen Krankenhaus in Gießen. Vielfältig engagiert, war er seit 1957 Mitglied des Deutschen Bundestages. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist seine Initiative, Mitte der 60-ger Jahre mit anderen Abgeordneten eine Anfrage "Zur Lage der Psychiatrie" in der Bundesrepublik Deutschland an die Bundesregierung zu stellen. Hieraus erwuchs die Enquete-Kommission "Zur Lage der Psychiatrie und Psychotherapie in der Bundesrepublik Deutschland" und schließlich das "Modellprogramm Psychiatrie" der Bundesregierung. Seiner unermüdlichen Tätigkeit bis zu seinem Tode am 12.11.1973 (verstorben in der Leppermühle) verdankt der Verein Wesentliches und Grundsätzliches.
Schon die 1951 dem Verein gegebene Satzung, nämlich "im diakonischen Auftrag praktische Jugendhilfe auf pädagogischer, psychologischer und medizinischer Grundlage zu betreiben und dafür die erforderlichen Einrichtungen zu schaffen und zu unterhalten", sagt das Wesentliche aus. Beeindruckend ist die Modernität des multiprofessionellen und integrierten Ansatzes für die Jugendhilfe.
Brennende soziale Probleme führten zum Bau des Jugendheimes in der Diezstraße. Bereits zwei Jahre nach Vereinsgründung war dieser Bau fertiggestellt und es fanden etwa 50 Jugendliche und 100 Säuglinge und Kleinkinder in dem Haus Aufnahme, zugleich wurde die Vereinsarbeit durch die Gründung der Erziehungsberatungsstelle erweitert.
Die ersten zehn
Jahre der Vereinsgeschichte erstaunen durch eine ungeheure Dynamik:
Lehrwerkstätten wurden gegründet, das "Landgut Leppermühle"
bereits 1954 erworben, für das Sozialamt der Stadt wurden Aufgaben in der
Betreuung von Müttern und Kindern aus der sowjetisch besetzten Zone übernommen
(in der ehemaligen Bergkaserne) und 1958/59 ein Kinder- und Schülerheim
am Nahrungsberg und ein Mädchenheim in der Hein-Heckroth-Straße errichtet
sowie ein Säuglingsheim auf dem Lutherberg. Dieses Jahrzehnt der Vereinsarbeit
von 1951 bis 1961 war überwiegend gekennzeichnet durch die Betreuung von
heimatlosen und unversorgten Säuglingen und Kleinkindern, ebenso durch
die pädagogische Arbeit mit verwahrlosungsbedrohten Mädchen und entwicklungsgestörten
männlichen Jugendlichen.
Eine zweite Phase der Aktivitäten des Vereins ist dadurch charakterisiert, dass vermehrt heilpädagogisches und psychotherapeutisches Denken und Handeln die Vereinsarbeit prägte. So wurde es durch den Verkauf des Hauses in der Diezstraße möglich, die große Heimanlage in der Leppermühle einschließlich der Schule sukzessive in den Jahren ab 1963/64 zu errichten und seiner Bestimmung als Heilpädagogisches Kinder- und Jugendheim zuzuführen. 1973 wurde in Gießen das Schülerheim (später Berthold-Martin-Heim) als erste Vereinseinrichtung des Vereins in eine psychotherapeutisch arbeitende Behandlungseinrichtung umgewandelt.
Eine dritte Phase der Vereinsarbeit begann etwa 1980 durch die Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marburg. Ab jetzt richtete der Verein seine Tätigkeit auf die Rehabilitation psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher aus. Die Leppermühle wurde eine Rehabilitationseinrichtung für chronisch psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche. Schwerpunktmäßig finden hier an Schizophrenie erkrankte Jugendliche Aufnahme. Der Verein verwirklichte ein sozialpsychiatrisches Konzept, in dem er die psychisch Kranken in die Gemeinde integrierte, d.h., Wohngruppen außerhalb der Leppermühle gründete , so dass von etwa 160 betreuten Jugendlichen heute über 100 in dezentralen Wohngruppen betreut werden können.
Alle Gießener Einrichtungen des Vereins (Berthold-Martin-Haus, Adalbert-Focken-Haus) erhielten eine psychotherapeutische Konzeption; hier werden, den Erfordernissen der Zeit entsprechend, sehr viele essgestörte junge Mädchen behandelt, ebenso finden männliche Jugendliche mit Erkrankungen Aufnahme, die einer psychotherapeutischen Behandlung zugänglich sind. Mittlerweile werden in den Einrichtungen des Vereins Jugendliche aus ganz Deutschland behandelt. In der Region ist der Verein verankert durch seine Erziehungsberatungsstelle, seine Martin-Luther-Schule, die auch von externen Kindern genutzt wird und durch seine Tagesgruppenarbeit für Kinder aus der Stadt und dem Landkreis Gießen.
Über all dies berichtet ausführlich unsere Festschrift, die die Vereinsarbeit in der jetzigen Form vorstellt.
Dank gilt es all denen abzustatten, die die Arbeit des Vereins von außen begleitet und unterstützt haben. Unser Dank richtet sich an die Verantwortlichen in Stadt und Kreis Gießen, an die Leiter und Mitarbeiter der Jugend- und Sozialämter, an das Hessische Sozialministerium mit seinem Landesjugendamt ebenso wie an die Mitarbeiter des Landeswohlfahrtsverbandes und des Landessozialamtes Hessen. Dem Diakonischen Werk in Hessen und Nassau, dessen Mitgliedschaft der Verein bereits bei seiner Gründung angestrebt hat, sei gedankt für die kontinuierliche Unterstützung der Arbeit, auch in Krisenzeiten durch den Besuchs- und Beratungsdienst. Die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche ist ebenfalls in der Festschrift ausdrücklich gewürdigt; auch hier ist ein besonderer Dank abzustatten. Besonders in den letzten 20 Jahren hat die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie vielfältige fachliche Unterstützung gegeben.
Für ihre Bereitschaft und Unterstützung, die Jugendlichen in ihren Gemeinden aufzunehmen, danken wir besonders den Bürgermeistern der Gemeinden Buseck und Reiskirchen, ebenso für ihre vielfältigen Hilfen und Unterstützungen.
Als Vorsitzender des Vereins seit 1973 richtet sich nun der persönliche Dank an meine Kollegen im Vorstand und Verwaltungsrat und an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins. Hiermit verbunden ist die Hoffnung, dass die Arbeit des Vereins für psychisch kranke Kinder und Jugendliche und deren Familie so erfolgreich fortgesetzt werden kann, ähnlich wie in den letzten 50 Jahren geschehen.
PD Dr. med. Matthias
Martin
- Vorsitzender des Vereins -