Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren im Reitstall des Kinder- und Jugendwohnheims Leppermühle

Birgit Melms

Seit vielen Jahren spielen im alltäglichen Leben im Kinder- und Jugendwohnheim Leppermühle Pferde und Ponies und die vielfältigen Erlebnismöglichkeiten mit ihnen eine wichtige Rolle. Zunächst ergab sich durch engagierte Erwachsene, die selbst vom Reiten und den Pferden fasziniert waren, die Möglichkeit, den Umgang, die Pflege und das Reiten der vorhandenen Pferde als Beschäftigungstherapie der damals in der Einrichtung befindlichen - hauptsächlich verhaltensauffälligen/verhaltensgestörten - Kinder und Jugendlichen einzusetzen.

 


Bimota und Lollipop auf dem Weg zur Weide

 

Ab Anfang der 80-ger Jahre wandte sich die Leppermühle mehr und mehr der nachklinischen Betreuung von seelisch behinderten jungen Menschen zu. Dadurch bekam auch der Einsatz von Pferden eine andere Bedeutung. Das Reiten wurde nunmehr gezielt als eine therapeutische Methode eingesetzt, um so im Gesamtbehandlungskonzept des einzelnen Kindes/Jugendlichen zu einem Element einer erfolgreichen Arbeit zu werden. So verlagerte sich auch der Pferdebereich von der ursprünglichen Gruppenarbeit zu einer mehr einzelfallorientierten, intensivtherapeutischen Arbeit, die erst im fortgeschrittenen Stadium die Betreuung in kleinen Gruppen mit einbezieht. Lediglich die Voltigiergruppen bestehen aus zwei bis fünf Teilnehmern. Hier werden aber ebenfalls oft heilpädagogische Einzelreitstunden vorgeschaltet.

 

Zur Konzeptionsveränderung auf die neue Zielgruppe der seelisch Behinderten, mussten zunächst die äußeren Bedingungen optimiert werden:

Die zu einer kleinen Reithalle umfunktionierte ehemalige Sporthalle wurde mit einem optimalen, rutschfesten Bodenbelag und einer Beregnungsanlage ausgestattet. Auch ein kleiner Traktor mit Bahnplaner wurde zur Pflege des Hallenbodens angeschafft. 1994 wurde ein nach neuen Erkenntnissen in der Pferdehaltung gestalteter und optisch einladender Stall mit fünf Boxen und zugehörigen Funktionsräumen gebaut. Weiterhin entstand 1998 oberhalb von Stall und Halle ein ca. 20 x 40m großer Allwetter-Außenreitplatz. Dieser Platz ist - außer bei gefrorenem Boden - ganzjährig bereitbar. Zusätzlich stehen in der Weidesaison die Wiesen des Leppermühlengeländes für die Pferde zur Verfügung. Sie werden nach Bedarf mit mobilen Weidezäunen abgegrenzt.

Auch personell wurde der Pferdebereich kompetter ausgestattet. Zwei ausgebildete Reittherapeutinnen bemühen sich heute um die optimale reittherapeutische Versorgung der Kinder und Jugendlichen. Eine Pferdepflegerin hilft wesentlich bei der Grundversorgung der Pferde mit.

Seit fast 30 Jahren haben sich im Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) Fachleute zusammengeschlossen, die den besonderen Wert des Einsatzes von Pferden für kranke oder verstörte Menschen im Blickpunkt haben. Das DKThR bietet auch Ausbildungsgänge für Personen, die an einer solchen Tätigkeit interessiert sind. Grundlage für die Qualifikation, therapeutische Arbeit mit Pferden durchzuführen, ist somit immer eine solide und sichere eigene reiterliche Basis, verbunden mit einer pädagogischen oder psychologischen Ausbildung und dann einer zusätzlich berufsbegleitend erworbenen Zusatzqualifikation des DKThR.

      

Hilfestellung bei schwieriger Übung

 

 

Zweite wichtige Grundlage für die Arbeit ist ein möglichst optimal ausgebildetes sowie physisch und psychisch geeignetes Pferdeteam. Im Reitstall der Leppermühle, der seit 1999 von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung als Reitstall FN anerkannt ist, leisten im Moment vor allem fünf - zeitlich begrenzt sechs - vierbeinige Therapeuten ihre Arbeit:

Bimota, die Sensible: eine 10-jährige, ein wenig übersensible, leicht hysterisch veranlagte aber sehr fleißige Oldenburgerstute, die den Kindern und Jugendlichen näherbringt, dass man Stimmungen ausgeliefert sein kann, diese aber in Kommunikation miteinander bewältigen und in gegenseitigem Vertrauen gut miteinander bearbeiten kann (besonders geeignet für ängstliche, zarter besaitete, motorisch wackelige und unentschlossene Patienten).

Hitchcock, der Freundliche: ein 7-jähriger, sehr großer und überaus freundlicher Trakehnerwallach, der sehr bereitwillig versucht, Wünsche und Absichten des Kindes/Jugendlichen zu erraten und sie dann manchmal erfüllt und manchmal nicht. Er wird von vielen aufgrund seines freundlichen Naturells geschätzt. Er ist sehr gut geeignet für größere und schwergewichtige Patienten (aufgrund seiner Größe) sowie für entscheidungsschwächere Patienten, da er ein gewisses Durchsetzungsvermögen fordert, dann aber bei ein wenig Entschlußkraft auch sofort "mitspielt".

 

    

 Hitchcock mit Clara

 

Lollipop, der Freche: ein 14-jähriger Deutscher Reitponywallach, pfiffig und aufgeweckt, der seinen eigenen festen Charakter hat und Talente und Fähigkeiten all denen erschließt, die willens und fähig sind, sich damit auseinanderzusetzen. Bei diesem Pferd kann Durchsetzungsvermögen und reiterliches Können erworben werden.

Besonders geeignet ist Lollipop für kleinere (aufgrund seiner Körpergröße) Kinder und Jugendliche, die nicht allzu ängstlich sind. Große therapeutische Fähigkeiten entwickelt er im Umgang mit hyperaktiven oder auch besonders aggressiven oder autistischen Kindern, da er gut in der Lage ist, nonverbal und direkt sein Missfallen an bestimmten Verhaltensweisen auszudrücken. Wenn er vernünftig dazu aufgefordert wird, zeigt Lollipop dann aber sofort außerordentliche Talente: z. B. hat er viel Routine beim Überwinden kleinerer und größerer Hindernisse oder beim Durchführen von Kunststücken (Treppensteigen, Besenpolo u.ä.). Er führt Kinder und Jugendliche absolut sicher ins Gelände ein.

Westwind, das Allroundtalent: ein 12-jähriger, recht großer Westfalenwallach, der einfach alles kann und will, ReiterInnen viele Fehler verzeiht und dauernd versucht, allen den Weg zum Reitenlernen zu ebnen und dabei keinen zu "verlieren". Beim Voltigieren gibt er sich alle Mühe, so zu galoppieren, dass jedes Kind und jeder Jugendliche möglichst alle Übungen und Kunststücke auf ihm durchführen kann - manchmal scheint er die Fähigkeit zu haben, in der Luft stehenzubleiben, um es dem Reiter/Voltigierer leichter zu machen. Das Voltigierpferd für alle Großen und Kleinen ermöglicht fast jedem sehr schnell einen ersten Galopp. Westwind ist besonders geeignet für diejenigen (nicht allzu kleinen), die von der Longe weg das Alleine-Reiten oder die ersten kleinen Sprünge versuchen wollen. Er ist der "Meister" unter den Therapiepferden.

Westwind mit Alexander in der Fahne

Anemone, die gelernte Therapeutin: eine 13-jährige, relativ kleine Hessenstute, die im Umgang sehr bereitwillig ist, aber auch Unmut ausdrücken kann. Beim Reiten hilft sie aufgrund des angenehmen Bewegungsablaufes und der eigenen Bequemlichkeit besonders ängstlichen ReiterInnen die Fähigkeit zu erwerben, das Vorwärtsgehen initiieren zu müssen und gleichzeitig die Sicherheit zu haben, dass das Pferd nicht weglaufen wird. Erhöhte Gehfreude zeigt sich bei „Anni“ beim Geländereiten und beim Springen. Besonders geeignet ist Anemone für schwache, motorisch schlechte PatientInnen, da sie erst einmal in aller Ruhe Bewegungsabläufe vermittelt. Außerdem eignet sie sich auch für unsichere, ängstliche Kinder und Jugendliche, die eine eigene Entschlußkraft entwickeln müssen, damit sie nicht nur durch die Bahn "schleicht" und alle Ecken abkürzt.

Anemone mit Clara in der Stangenarbeit

Larissa, die Mütterliche (Höchstens ein Einsatz pro Tag): eine 17-jährige, im Moment tragende, Trakehnerstute, die in idealem Maße Charakterstärke, Intelligenz (soweit man bei einem Pferd davon sprechen kann), Gehfreude und Gutmütigkeit in sich vereinigt und sich besonders viel Mühe gibt, alle ReiterInnen zu verstehen. Besonders geeignet ist sie für schwerkranke, verschlossene oder ängstliche PatientInnen. Sie ermöglicht ein ideales Bewegungsgefühl ohne zu erschrecken, geht bereitwillig, ohne Durchsetzungskraft zu fordern und bietet gleichzeitig ein Geborgenheitsgefühl.

 

Nicht umsonst spielen in dieser Beschreibung unserer Arbeit die Pferde die Hauptrolle, sie sind die eigentlichen Therapeuten und sollen es auch sein. Wir Menschen haben die Aufgabe zwischen PatientIn und Pferd zu vermitteln, falls nötig zu "dolmetschen", Erlebnisse und Entwicklungsabläufe zu initiieren, zu begleiten und - wenn nötig - zu steuern und beide Seiten (Kinder oder Jugendliche, eine Gruppe und das Pferd) in die Lage zu versetzen, miteinander zu kommunizieren. Das Interessante und Einzigartige an dieser heilpädagogischen Arbeit mit dem Pferd ist, dass diese Kommunikation auf non-verbalem Weg im Bewegungsdialog erfolgt und manchmal auch eine therapeutische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen möglich macht, die über andere Maßnahmen schwer oder gar nicht erreichbar wären.

Allgemein setzt sich in der Fachliteratur auch die Erkenntnis durch, dass es immer wieder auch gelingt, über die während des heilpädagogischen Reitens oder Voltigierens stattfindenden Prozesse Sprachgehemmten einen Wiedereinstieg in die verbale Kommunikation zu ermöglichen, Antriebsarmen die Freude an körperlicher Bewegung zu vermitteln, sozial Schwachen zwischenmenschliche Fähigkeiten wiederfinden zu helfen und so die Klientel auch für neue Lernprozesse bereit zu machen. Auch wir machen in unserer Arbeit - eingebunden in ein transparentes gesamttherapeutisches Konzept - immer wieder die Erfahrung, dass z.B. mutistische oder autistische Kinder/Jugendliche auf dem Pferd zu reden anfangen, dass sich unsportliche, schwerfällige Kinder/Jugendliche in den Voltigierstunden zu schweißtreibenden sportlichen Leistungen und "eleganten"  Bewegungen hinreißen lassen oder dass sehr genau darauf geachtet wird, daß die Pferde ihre deutliche Zuwendung und angemessene Belohnung bekommen.

 

Alexander mit Westwind

 

Sicherlich hat es seine Gründe, dass eine der letzten und interessantesten Veröffentlichungen zum Thema Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren von Antonius Kröger, einem der ersten, die heilpädagogisches Voltigieren durchführten (seit 1964 an einer Schule für Erziehungshilfe) den Titel hat: "Partnerschaftlich miteinander umgehen“. Der Text versucht, den Weg zu einer sachorientierten Partnerschaft zwischen Klienten/Therapeuten und Pferden zu beschreiben. "Partnerschaftlich miteinander umgehen" könnte verstanden werden als das Anstreben einer "harmonischen Ehe" zwischen Mensch und Pferd, in der die Beziehungen entsprechend pädagogisch-psychologisch gestaltet werden. "Miteinander Interagieren" im Sinne Krögers meint jedoch vertiefend mehr. Beziehungen werden für Kröger nicht auf einer rein personenbezogenen Ebene angestrebt, sondern finden auf sachorientierter Basis statt. Kröger fordert auch die zu therapierenden Menschen zu einer aktiven sachorientierten partnerschaftlichen Gestaltung des gemeinsamen Kommunikationsprozesses auf.

 

Wir alle, die wir im Bereich des heilpädagogischen Reitens und Voltigierens im Reitstall der Leppermühle arbeiten, versuchen diesem Ziel der "sachorientierten Partnerschaft" ein bisschen näher zu kommen.