
H. Remschmidt
Artikel Gießener Anzeiger vom 12.05.2005
Wohnprojekt offiziell eingeweiht
Im "Georgenhammer" werden autistische Kinder betreut
LAUTER (mab). Glückliche Gesichter machten Dr. Matthias Martin, Vorstandsvorsitzender
des Vereins für Jugendfürsorge und Jugendpflege, und Detlef Detering,
Pädagogischer Leiter des Vereins, der Mitglied im Diakonischen Werk und
Träger der Leppermühle in Buseck ist. Sie weihten gestern offiziell
das Wohnprojekt "Georgenhammer" ein, das zur Leppermühle gehört.
Als eine der Hauptaufgaben auf dem schönen Hofgut nannte Martin in seiner
Begrüßung die Arbeit mit autistischen Kindern. Die Krankheit bedürfe
längerer Maßnahmen, was nach jetziger Gesetzeslage noch möglich
sei. Dass selbiger Gesetzesrahmen erhalten bleibe, lag dem Vorstandsvorsitzenden
am Herzen. Die Sozialdezernentin und hauptamtliche Beigeordnete des Landkreises
Gießen, Dietlinde Elies, sagte dazu: "Wir müssen verhindern,
dass der Paragraf 35a ausgehebelt wird. Wo es um Menschen geht, kann man nicht
an Heller und Pfennig sparen." Bürgermeister Claus Spandau sicherte
seine und die Unterstützung des anwesenden Ortsvorstehers Rainer Trüller
zu und formulierte: "Wir sind an Ihrer Seite und werden Ihnen helfen."
Außerdem machte der Rathauschef auf Laubach als Naturgebiet mit Tourismus
aufmerksam, eine schöne Einbettung für die Arbeit, die im "Georgenhammer"
anstehe.
Der Dekan des Dekanats Kirchberg, Rolf Klingmann, erzählte die Geschichte
vom Mann, der in einem Laden auf einen Engel als Verkäufer trifft. Dieser
erklärt ihm, er könne alles bei ihm kaufen. Der erfreute Mann will
nun das Ende des Hungers, der Krankheiten und Kriege auf der Erde, als ihn der
Engel unterbricht und sagt: "Moment, wir verkaufen nur die Samen."
Die Geschichte, die darauf verweist, dass dem Beginn eines Projektes auch Zeit,
Pflege und Zuwendung folgen muss, kam beim Publikum an, das wurde am Applaus
deutlich. Grußworte sprachen auch Renate Lang für das Diakonische
Werk in Hessen und Nassau und ein Vertreter des Architekturbüros.
Professor Dr. Dr. Helmut Remschmidt, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen
Klinik in Marburg, ging ausführlich auf den Autismus ein. Im Film "Rainman"
sei das Krankheitsbild zwar überzeichnet, aber treffend dargestellt worden.
Als heiteres und dennoch schwieriges Beispiel nannte der Wissenschaftler etwa
die speziellen Eigenschaften, über die Autisten verfügen können.
Ein Junge kannte zum Beispiel das Grundgesetz fast auswendig. Allerdings machte
er die Betreuer seiner Abteilung permanent auf die Verstöße gegen
das Grundgesetz in der Abteilung aufmerksam. "Zunächst mag das heiter
sein", sagte der Professor, mit der Zeit aber ecke der Patient mit solchem
Verhalten meistens an. Remschmidt wies auch darauf hin, dass Autismus hundertfach
häufiger bei Kindern von Eltern auftrete, in deren Familie bereits Autismusfälle
aufgetreten seien. Gefühlskälte der Mütter sei als Ursache für
den Autismus mittlerweile aus wissenschaftlicher Sicht ausgeschlossen. Autisten
sind häufig in sich gekehrt und wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.
Zurückgezogen seien sie, laut Remscheidt, aber bereits seit ihrer Geburt,
dies entwickle sich nicht erst im Laufe des Lebens.
Auf dem "Georgenhammer", den der Verein 2001 gekauft hatte, wird für
Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 16 Jahren mit schweren psychischen
Störungen ein intensivpädagogisches Betreuungs- und Therapiekonzept
angewendet. Die Bewohner leben in vier Wohngruppen mit jeweils fünf Plätzen.
Es gibt eine kleine Schule für Kranke mit 20 Plätzen sowie Beschäftigungs-
und Reittherapie. Außerdem werden die Gruppen von auf dem Hof arbeitenden
Psychotherapeuten und Psychiatern unterstützt. Ziel der Maßnahmen
ist es, die Bewohner zu befähigen, nach etwa einem Jahr in einen Regelwohnbereich
der Leppermühle zu wechseln. Insgesamt umfasst der Hof ein Gelände
von 23 000 Quadratmetern mit mehr als 800 Quadratmetern Wohnfläche, Stallungen
und Reithalle.